Du bist … oder das hast du gut gemacht? Wie unsere Worte Kinder prägen können
Letzte Woche war ich bei einem 3tages Seminar, in dem es um das Thema Erziehung ging. Vieles davon war mir bereits aus anderen Fortbildungen und eigener Erfahrung bekannt. Und trotzdem gab es wieder diese kleinen Aha-Momente, bei denen plötzlich etwas hängen bleibt.
Einer davon hat mich besonders beschäftigt:
„Du BIST …“ oder „Das HAST du … gemacht.“
Im ersten Moment dachte ich: Wo soll da bitte der große Unterschied sein?
Doch dann erklärte die Dozentin es anhand eines einfachen Beispiels und bei mir machte es erst klick und kurz danach dachte ich nur noch:
Ach krass. Wie oft sage ich das eigentlich selbst?
„Du bist ein guter Zeichner“
Stell dir vor, dein Kind malt dir ein Bild. Es kommt stolz zu dir, hält es dir entgegen und wartet natürlich auf deine Reaktion.
Du könntest sagen:
„Du bist aber ein toller Zeichner!“
Oder:
„Das hast du heute richtig toll gezeichnet!“
Beides klingt liebevoll. Beides ist positiv gemeint. Und beides soll dem Kind zeigen: Ich sehe dich. Ich sehe, was du gemacht hast. Und trotzdem steckt für mich ein wichtiger Unterschied darin.
Mit „Du bist ein toller Zeichner“ beschreiben wir nicht nur das Bild oder die Leistung. Wir beschreiben das Kind selbst. Und geben damit eine Identität, nämlich die eines tollen Zeichners.
Du BIST.
Aus einer Fähigkeit oder einer gelungenen Leistung kann dadurch eine Zuschreibung werden: Das bin ich.
Mit „Das hast du toll gezeichnet“ richtet sich die Anerkennung dagegen auf das, was das Kind gerade gemacht hat. Wir bestärken seine Fähigkeit, seine Mühe oder vielleicht auch seine Entwicklung ohne daraus gleich eine Identität zu machen.
Und genau an diesem Punkt hatte ich meinen Aha-Moment.
- Denn was passiert, wenn das nächste Bild einmal nicht so schön wird?
- Was passiert, wenn die Leistung nachlässt?
- Oder wenn plötzlich jemand sagt: „Das kannst du eigentlich besser“?
Wenn aus einem Lob plötzlich Druck wird
Während des Seminars musste ich sofort an unsere 13-Jährige denken. Sie war lange im Gardetanz aktiv und natürlich waren wir stolz auf ihre Leistung. Ich habe immer wieder zu ihr gesagt:
„Du bist eine tolle Gardetänzerin.“
Nicht nur ich. Die Familie sagte es. Freunde sagten es. Nachbarn sagten es.
Natürlich war das niemals böse gemeint. Ganz im Gegenteil. Wir wollten sie motivieren, ihr Selbstvertrauen stärken und ihr zeigen, dass sie stolz auf ihre Leistung sein kann.
Doch durch das Seminar habe ich angefangen, diese Sätze aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Was kann in einem Kind passieren, wenn es immer wieder hört:
Du BIST eine tolle Gardetänzerin?
Vielleicht wird daraus irgendwann:
- Dann muss ich auch gut sein.
- Wenn alle sagen, dass ich das bin, darf ich nicht plötzlich schlechter werden.
- Ich muss dieser Rolle gerecht werden.
Und irgendwann kamen beim Training natürlich auch Rückmeldungen:
- „Das musst du noch verbessern.“
- „Hier brauchst du mehr Körperspannung.“
- „Das kannst du eigentlich besser.“
Völlig normale Rückmeldungen in einem Training.
Doch wenn ein Kind sich bereits stark mit einer bestimmten Rolle identifiziert hat, können solche Aussagen plötzlich etwas ganz anderes auslösen. Dann geht es vielleicht nicht mehr nur um:
- Diese Bewegung hat heute nicht funktioniert.
Sondern innerlich entsteht möglicherweise:
- Warum kann ich das plötzlich nicht mehr?
- Warum reicht meine Leistung nicht mehr aus?
- Was mache ich falsch?
Und genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied.
Wenn Leistung und Identität miteinander verschmelzen
Bei unserer Tochter wurde der Druck irgendwann größer. Sie trainierte härter, wollte besser werden und verausgabte sich zunehmend. Gleichzeitig stieg der Frust. Irgendwann entschied sie sich gegen den Gardetanz. Später kam das Cheerleading.
Durch ihre vorherigen Erfahrungen hatte sie dort natürlich Vorteile. Vieles fiel ihr leichter, sie konnte schnell mithalten und wollte sich weiterentwickeln. Und wieder entstand etwas Ähnliches.
- Sie war gut.
- Sie bekam Anerkennung.
Und irgendwann stagnierte die Entwicklung, wie es bei jedem Menschen irgendwann passiert. Denn niemand entwickelt sich immer nur nach oben. Manchmal geht es schnell voran. Dann kommt ein Plateau. Manchmal funktioniert etwas plötzlich nicht mehr so gut. Manchmal braucht der Körper länger. Manchmal fehlt die Motivation. Und manchmal verändert sich einfach das Interesse.
Doch wenn wir gelernt haben:
„Ich BIN gut darin“,
kann aus einem ganz normalen Entwicklungsschritt plötzlich die Frage werden:
„Wer bin ich, wenn ich darin nicht mehr gut bin?“
Wie viel Druck entsteht eigentlich aus Liebe?
Diese Erkenntnis hat mich getroffen. Nicht, weil ich glaube, dass wir als Familie etwas bewusst falsch gemacht haben. Wir wollten sie unterstützen. Wir wollten sie bestärken. Wir wollten ihr zeigen, dass wir an sie glauben. Und trotzdem wurde mir bewusst, dass selbst aus Fürsorge und Liebe manchmal Druck entstehen kann, den wir ursprünglich überhaupt nicht erzeugen wollten.
Das finde ich als Elterlicher Anteil unglaublich spannend und gleichzeitig herausfordernd. Denn natürlich können und sollen wir unsere Kinder loben.
Für mich geht es vielmehr darum, achtsamer darauf zu schauen, was genau wir eigentlich loben und wie wir unsere Anerkennung ausdrücken.
Und hier kam für mich direkt der nächste Aha-Moment:
„Ich bin stolz auf dich“ oder „Du kannst stolz auf dich sein“
Wie oft sagen wir zu unseren Kindern:
„Ich bin stolz auf dich!“
Auch diesen Satz sagen wir aus Liebe. Wir möchten unserem Kind zeigen: Ich sehe, was du geschafft hast. Ich freue mich mit dir.
Doch auch hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen.
Denn mit „Ich bin stolz auf dich“ rückt unsere Anerkennung als Eltern in den Mittelpunkt. Beim Kind kann dadurch unbewusst die Botschaft entstehen:
Wenn Mama oder Papa stolz auf mich sind, habe ich etwas richtig gemacht.
Und daraus kann wiederum die Frage entstehen:
Was muss ich tun, damit sie weiterhin stolz auf mich sind?
Auch daraus kann ein Erwartungsdruck entstehen, obwohl wir mit diesem Satz eigentlich genau das Gegenteil erreichen wollten.
Wie anders fühlt sich dagegen dieser Satz an:
„Du kannst stolz auf dich sein.“
Plötzlich liegt die Bewertung nicht mehr bei mir.
Ich gebe meinem Kind die Möglichkeit, selbst auf das zu schauen, was es geschafft hat. Es darf seinen eigenen Stolz wahrnehmen und seine Leistung für sich selbst anerkennen.
Nicht:
Ich habe etwas geschafft und deshalb ist Mama stolz auf mich.
Sondern:
Ich habe etwas geschafft und darf selbst stolz auf mich sein.
Für mich ist das ein ähnlich kleiner und gleichzeitig großer Unterschied wie zwischen „Du bist“ und „Das hast du gemacht“.
Denn am Ende geht es für mich immer wieder um dieselbe Frage:
Bestärke ich mein Kind darin, sich selbst wahrzunehmen oder entsteht unbewusst das Gefühl, einer Erwartung gerecht werden zu müssen?
Statt:
„Du bist eine tolle Tänzerin.“
könnte es beispielsweise heißen:
„Ich habe gesehen, wie konzentriert du heute trainiert hast.“
Oder:
„Das hast du heute richtig gut gemacht.“
Oder auch:
„Ich finde es toll, wie viel Freude du dabei hast.“
Und statt:
„Ich bin so stolz auf dich!“
vielleicht einmal:
„Du kannst wirklich stolz auf dich sein.“
Damit darf eine Fähigkeit etwas sein, das sich entwickeln und verändern kann. Und die Anerkennung darf immer mehr aus dem Kind selbst heraus entstehen. Sie muss nicht bestimmen, wer ein Mensch ist.
Wir machen das nicht nur mit unseren Kindern
Während ich darüber nachgedacht habe, ist mir noch etwas aufgefallen:
Wir schreiben nicht nur Kindern Identitäten zu. Wir machen das ständig. In Partnerschaften. In Familien. In Freundschaften.
- „Du bist doch immer so stark.“
- „Du bist die Vernünftige.“
- „Du bist unser Organisationstalent.“
- „Du bist immer für alle da.“
Auch diese Aussagen können liebevoll gemeint sein.
- Doch was passiert, wenn dieser Mensch irgendwann nicht mehr stark sein kann?
- Wenn die Vernünftige einmal eine unvernünftige Entscheidung trifft?
- Wenn das Organisationstalent plötzlich überfordert ist?
- Oder wenn der Mensch, der immer für alle da war, irgendwann sagt: „Ich kann gerade nicht.“
Auch Erwachsene können unter Rollen leiden, die ihnen irgendwann zugeschrieben wurden, oder die sie selbst übernommen haben. Vielleicht trifft es uns anders als ein Kind. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Achtsame Kommunikation beginnt bei unseren eigenen Worten
Für mich ist aus diesem Seminar deshalb eine kleine persönliche Challenge entstanden. Ich möchte bewusster darauf achten, wann ich einen Menschen für etwas bestärke, das er getan hat und wann ich ihm unbewusst sage, wer er ist.
Und ich möchte darauf achten, ob meine Anerkennung beim anderen vielleicht das Gefühl auslöst, meinen Erwartungen entsprechen zu müssen, oder ob ich ihn darin bestärke, seine eigene Leistung wahrzunehmen.
Nicht jedes „Du bist …“ ist automatisch schlecht.
Und auch ein „Ich bin stolz auf dich“ ist kein Satz, den wir ab heute aus unserem Wortschatz streichen müssen. Wir müssen jetzt auch nicht jedes Wort dreimal überprüfen, bevor wir mit unseren Kindern sprechen.
Aber wir dürfen bewusster werden, denn Worte haben Wirkung.
Gerade Kinder entwickeln ihr Bild von sich selbst auch durch die Reaktionen und Rückmeldungen ihrer Bezugspersonen. Deshalb möchte ich dich heute zu einer kleinen Challenge einladen:
Beobachte dich selbst.
Wo sagst du zu deinem Kind, deinem Partner, deiner Familie oder deinen Freunden:
„Du bist …“?
Wo sagst du:
„Ich bin stolz auf dich“?
- Welche Erwartung oder Rolle könnte vielleicht unbewusst dahinter entstehen?
- Ist diese Zuschreibung überhaupt notwendig?
- Und könntest du stattdessen das Verhalten, die Anstrengung, die Entwicklung oder den konkreten Moment wertschätzen?
Vielleicht sagst du beim nächsten Mal einfach:
„Das hast du richtig gut gemacht.“
Oder:
„Du kannst stolz auf dich sein.“
Beobachte einfach einmal, was passiert. Nicht mit dem Anspruch, ab morgen perfekt zu kommunizieren. Sondern aus Neugier.
Für mich selbst ist es definitiv eine Challenge. Aber eine wertvolle. Eine Challenge voller kleiner Aha-Momente und vor allem mit einer großen Erkenntnis:
Achtsame Kommunikation bedeutet nicht nur, liebevoll miteinander zu sprechen. Sie bedeutet auch, bewusst darauf zu achten, welche Botschaft unsere Worte beim Anderen hinterlassen.
Namaste ♥ Seelenliebe4YOU
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Kommentare
Beim lesen dachte ich: oh je. Das mache ich sehr häufig, ja. Ich werde die Challenge mitmachen. Aber am spannendsten fand ich tatsächlich, was diese Sätze heute noch mit mir machen. 😮💨 Mir werden einige Identitäten zugesprochen. Und ich identifiziere mich tatsächlich damit, allerdings möchte ich manche Rollen nicht immer tragen müssen. 😳 Ich bin gerade geschockt, wie oft ich sie aber dennoch übernehme und mich damit übergehe. 🙈 Danke für das Sensibilisieren 🥹☺️