„Seit meinem Auszug ist das Verhältnis zu meiner Mutter besser.“ Aber was, wenn die Beziehung gar nicht besser geworden ist – sondern wir zum ersten Mal selbst über Nähe, Abstand und unsere Grenzen entscheiden können? Ein persönlicher Blick auf Kontrolle, Erziehung und die Frage, was wir unseren eigenen Kindern weitergeben TEIL 2.
„Mir hat Hausarrest früher schließlich auch nicht geschadet“
Vielleicht wurdest du früher bei jedem Vergehen mit Hausarrest bestraft. Und heute ertappst du dich dabei, deinem eigenen Kind ebenfalls Hausarrest zu geben, sobald es gegen eine Regel verstößt. Nicht unbedingt, weil es in dieser Situation die sinnvollste Konsequenz ist. Sondern weil du es selbst so kennst. Oder das Smartphone wird weggenommen, weil scheinbar „sonst nichts funktioniert“. Gerade das Smartphone ist für Jugendliche heute ein wichtiger Teil ihrer Kommunikation und ihres sozialen Lebens. Natürlich kann es Situationen geben, in denen Regeln zur Mediennutzung notwendig sind.
Aber wenn das Smartphone lediglich als Druckmittel eingesetzt wird, weil ein völlig anderes Verhalten bestraft werden soll, dürfen wir uns fragen:
- Was möchte ich damit eigentlich erreichen?
- Steht die Konsequenz in einem Zusammenhang mit dem Verhalten?
- Was soll mein Kind daraus lernen?
- Gibt es vielleicht eine sinnvollere Alternative?
Brauchen Kinder wirklich Strafen?
Vielleicht sollten wir uns ohnehin häufiger fragen, ob eine klassische Bestrafung wirklich das erreicht, was wir uns davon versprechen. Denn eine Strafe auszusprechen ist manchmal leichter, als sich mit dem Kind und dem eigentlichen Konflikt auseinanderzusetzen. Vor allem dann, wenn Emotionen im Spiel sind. Natürlich bedeutet das nicht, dass Verhalten keine Konsequenzen haben darf. Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen einer willkürlichen Strafe und einer nachvollziehbaren Konsequenz.
- Wenn ein Kind etwas beschädigt, kann beispielsweise gemeinsam überlegt werden, wie der Schaden wiedergutgemacht werden kann.
- Wenn eine Vereinbarung nicht eingehalten wurde, kann eine Konsequenz sinnvoll sein, die unmittelbar damit zusammenhängt.
Doch wenn auf jedes Fehlverhalten automatisch Handyverbot, Hausarrest oder der Entzug von etwas Schönem folgt, sollten wir uns fragen:
- Was lernt mein Kind gerade wirklich?
- Versteht es die Auswirkungen seines Handelns?
Oder lernt es lediglich:
Wenn ich nicht tue, was meine Eltern wollen, nehmen sie mir etwas weg, das mir wichtig ist.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Botschaften.
Konflikte müssen nicht mitten in der Eskalation gelöst werden
Wir sprechen viel mit unserer 13-Jährigen. Wir versuchen, ihr Verhalten zu spiegeln und fragen sie auch, wie es ihr damit geht. Aber häufig tun wir das später. Selten mitten in einer explosiven Situation. Denn wir kennen es doch von uns selbst:
Wenn wir richtig aufgebracht, verletzt oder wütend sind, erreichen uns die besten Argumente nicht mehr.
Warum sollte das bei einem Kind oder Jugendlichen anders sein? Manchmal darf eine Situation erst einmal abkühlen. Danach können wir miteinander sprechen:
- Was ist passiert?
- Wie hast du die Situation erlebt?
- Wie ging es der anderen Person damit?
- Was könntest du beim nächsten Mal anders machen?
Und auch wir Erwachsenen dürfen uns fragen:
- Was hätte ich anders machen können?
Nur weil wir "erwachsen" sind, bedeutet das nicht automatisch, dass wir in jedem Konflikt richtig reagieren.
Eltern dürfen für sich sorgen – aber Kinder sind nicht dafür verantwortlich
In einem früheren Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, wie wichtig es ist, dass Eltern sich auch um sich selbst kümmern. Denn wenn es uns gut geht, wirkt sich das natürlich auch auf unsere Kinder aus. Damit meine ich nicht, dass unsere Kinder dafür verantwortlich sind, dass es uns gut geht, sondern:
- Ich darf mir als Mutter oder Vater Zeit für mich nehmen.
- Ich darf Freunde treffen.
- Ich darf Hobbys haben.
- Ich darf Unterstützung suchen.
- Ich darf meine eigenen Bedürfnisse ernst nehmen.
Mein Kind sollte nicht die Aufgabe bekommen, meine Einsamkeit zu füllen, meine unverarbeiteten Verletzungen zu tragen oder meine emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Warum wird das Verhältnis zu den Eltern nach dem Auszug besser?
Damit komme ich zurück zu dem Satz, mit dem alles angefangen hat:
„Seitdem ich ausgezogen bin, habe ich ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter.“
Vielleicht ist das Verhältnis tatsächlich besser geworden. Menschen entwickeln sich und Beziehungen können sich verändern. Vielleicht ging es dir ähnlich wie mir. Vielleicht wurde die Beziehung gar nicht besser.
Vielleicht hattest du zum ersten Mal die Möglichkeit, selbst über Nähe und Distanz zu entscheiden.
Du hattest plötzlich eine eigene Wohnung. Eine eigene Tür. Einen Ort, an den du dich zurückziehen konntest. Du konntest selbst entscheiden, wann du ans Telefon gehst. Wann du zu Besuch kommst. Wann du wieder nach Hause fährst. Und vor allem:
Wie viel Nähe du zulassen möchtest.
Plötzlich konnte dein Nein tatsächlich ein Nein sein. Und vielleicht hat genau dieser Abstand eure Beziehung erträglicher – oder sogar schöner – gemacht.
Wo darfst du heute ein bisschen Kontrolle abgeben?
Wenn du selbst Kinder hast oder Kinder begleitest, dann schau einmal ehrlich hin. Nicht mit Schuldgefühlen. Nicht mit dem Anspruch, alles perfekt machen zu müssen, sondern mit Bewusstsein. Stelle dir folgende Fragen:
- Wo manipuliere ich vielleicht unbewusst?
- Wo übe ich unnötig Druck aus?
- Wo bestimme ich über den Kopf meines Kindes hinweg?
- Wo wiederhole ich etwas, nur weil es bei mir früher genauso gemacht wurde?
- Wie habe ich mich damals in solchen Situationen gefühlt?
- Was hätte ich mir stattdessen gewünscht?
Und die wichtigste Frage:
- Ist das, was ich gerade tue, wirklich notwendig, um mein Kind zu führen und zu schützen – oder fällt es mir einfach schwer, ein Stück Kontrolle abzugeben?
Kinder brauchen Grenzen, sie brauchen Orientierung.
Sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und innerhalb dieses Rahmens brauchen sie auch etwas anderes:
Freiheit.
Freiheit, eine eigene Meinung zu entwickeln.
Freiheit, Nein zu sagen.
Freiheit, Fehler zu machen.
Freiheit, sich zurückzuziehen.
Und die Sicherheit, dass unsere Liebe nicht davon abhängig ist, ob sie gerade das tun, was wir von ihnen erwarten. Vielleicht dürfen wir deshalb manchmal ein bisschen weniger kontrollieren und ein bisschen mehr begleiten.
Und vielleicht schenken wir unseren Kindern damit etwas, das wir selbst früher so dringend gebraucht hätten:
Das Gefühl, dass ihre Grenzen genauso wichtig sind wie unsere eigenen.
Namaste ♥ Seelenliebe4YOU
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