Auf Instagram bin ich vor einiger Zeit auf die Aussage eines Jugendlichen gestoßen, die mich sehr nachdenklich gemacht hat:
„Seitdem ich ausgezogen bin, habe ich ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter.“
Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Auch mein Partner sagte in der Vergangenheit öfter, dass er ein besseres Verhältnis zu seiner Schwester hatte, nachdem sie ausgezogen war.
Da habe ich mich gefragt: Wie kann das eigentlich sein?
Und plötzlich ist mir aufgefallen, dass auch ich lange dachte, nach meinem Auszug ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter gehabt zu haben. Dachte ich zumindest. Denn wenn ich heute genauer hinschaue, erkenne ich:
Das Verhältnis war eigentlich dasselbe. Ich hatte nur endlich die Möglichkeit, mich zurückzuziehen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum manche Menschen nach ihrem Auszug plötzlich von einer besseren Beziehung zu ihren Eltern sprechen. Nicht immer verändert sich die Beziehung. Manchmal verändert sich einfach nur die Möglichkeit, eigene Grenzen zu setzen.
Wenn Eltern die Grenzen ihrer Kinder nicht akzeptieren
Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die vieles kontrollieren wollte. Sie hat mir häufig ihre Meinung aufgezwängt – vielleicht auch, weil sie es selbst nicht anders gelernt hatte. Meine Grenzen wurden immer wieder überschritten und ein Nein von mir wurde nur selten einfach als Nein akzeptiert.
Stattdessen kamen Aussagen wie:
„Du willst also deine Ruhe vor mir haben? Ich hatte auch nie meine Ruhe, als du krank warst. Ich habe mich immer um dich gekümmert und jetzt, wo ich dich brauche, bist du nicht für mich da. Du enttäuschst mich.“
Aus einem einfachen Nein wurde plötzlich Schuld. Und genau das ist der Punkt.
Auch Kinder wollen Freiheit. Sie brauchen Freiraum. Und ja – sie brauchen manchmal einfach ihre Ruhe.
Gerade Kinder und Jugendliche haben ohnehin genug mit sich selbst und ihrer eigenen Welt zu tun. Da ist plötzlich alles anstrengend und scheiße. Da sind Selbstzweifel, Unsicherheiten, Veränderungen und Emotionen, die man selbst noch gar nicht richtig einordnen kann. In dieser Zeit braucht ein Kind keinen Elternteil, der es zusätzlich mit den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Zwängen oder unverarbeiteten Verletzungen erdrückt.
Emotionale Manipulation durch Eltern kann ganz unscheinbar beginnen
Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Moment während der Ferien. Meine Mutter kam morgens in mein Zimmer und weckte mich. Als ich fragte, was sie wollte, antwortete sie ganz trocken:
„Mir ist langweilig. Steh jetzt auf und komm mit mir Tee trinken.“
Ich sagte ihr, dass ich nicht möchte und sie doch bitte etwas ihren Freundinnen unternehmen solle.
Ihre Antwort war:
„Ich will mich nicht mit meinen Freundinnen treffen. Die haben keine Zeit und ich will jetzt etwas mit meiner Tochter machen. Wenn du nicht willst, kein Problem. Irgendwann willst du mal was von mir, ich werde dich dann an diesen Moment erinnern.“
Natürlich darf eine Mutter sich wünschen, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, darum geht es nicht.
Entscheidend ist, was nach dem Nein des Kindes passiert.
Wird dieses Nein akzeptiert? Oder werden Schuldgefühle erzeugt, Konsequenzen angedroht oder Dinge entzogen, die mit der eigentlichen Situation überhaupt nichts zu tun haben? In meinem Beispiel ging es plötzlich nicht mehr darum, gemeinsam Tee zu trinken. Mein Nein sollte Konsequenzen haben. Und damit war meine Entscheidung nicht mehr wirklich frei. Genau hier können Kontrolle und emotionale Manipulation beginnen – manchmal sogar, ohne dass Eltern bewusst merken, was sie gerade tun.
Kinder sind nicht für die Gefühle ihrer Eltern verantwortlich
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt:
Kinder sind nicht dafür verantwortlich, die emotionalen Bedürfnisse ihrer Eltern zu erfüllen.
Ein Kind sollte nicht lernen:
- Wenn ich Nein sage, verletze ich Mama.
- Wenn ich meine Ruhe möchte, enttäusche ich Papa.
- Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse vor die meiner Eltern stelle, bin ich egoistisch.
Denn genau daraus können Muster entstehen, die uns noch viele Jahre begleiten.
Vielleicht fällt es dir heute schwer, Nein zu sagen. Vielleicht erklärst und rechtfertigst du jede deiner Entscheidungen. Vielleicht bekommst du sofort ein schlechtes Gewissen, wenn jemand wegen deiner Grenze enttäuscht ist. Oder du stellst automatisch die Bedürfnisse anderer über deine eigenen.
Dann lohnt es sich hinzuschauen:
- Wo hast du gelernt, dass deine Grenzen weniger wichtig sind als die Gefühle anderer Menschen?
Was haben Grenzüberschreitungen in deiner Kindheit mit dir gemacht?
Vielleicht kennst du solche Situationen aus deiner eigenen Kindheit. Dann möchte ich dich einladen, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Frag dich:
- Wie ging es mir als Kind, wenn meine Eltern Druck auf mich ausgeübt haben?
- Was hat es in mir ausgelöst?
- Wie habe ich mich gefühlt?
- Was hätte ich anstelle dieses Drucks gebraucht?
- Wie oft wurden meine Grenzen überschritten?
- Welche Situationen fallen mir heute noch ein?
Und was lösen diese Erinnerungen heute noch in mir aus? Schreib sie auf. Nicht, um deinen Eltern nachträglich die Schuld für dein gesamtes Leben zu geben. Sondern um zu verstehen, was dich geprägt hat.
Denn manches zeigt sich heute noch darin, wie wir mit Konflikten umgehen, wie schwer uns ein Nein fällt, wie schnell wir Schuldgefühle bekommen oder wie sehr wir versuchen, es anderen recht zu machen.
Wiederholen wir unbewusst die Erziehung unserer eigenen Eltern?
Und dann kommt ein zweiter, vielleicht noch unbequemerer Schritt. Schau nicht nur zurück. Schau auch darauf, wie du heute selbst mit Kindern umgehst. Vielleicht bist du Mutter oder Vater. Vielleicht bist du Tante oder Onkel. Vielleicht begleitest du Kinder beruflich oder sie spielen auf eine andere Weise eine Rolle in deinem Leben. Dann frag dich ehrlich:
- Wo wiederhole ich möglicherweise genau das, was mir selbst als Kind wehgetan hat?
- Wo übe ich Druck aus?
- Wo bestimme ich über den Kopf eines Kindes hinweg?
- Wo erwarte ich Gehorsam, obwohl es vielleicht auch anders gehen würde?
Und wo nenne ich etwas Erziehung, obwohl es eigentlich darum geht, meinen eigenen Willen durchzusetzen? Das bedeutet nicht, dass Kinder keine Regeln brauchen. Natürlich brauchen sie diese.
Kinder brauchen Orientierung, Schutz, Sicherheit und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Aber: Führung ist nicht dasselbe wie Kontrolle.
Und eine Grenze zu setzen ist etwas anderes, als die Grenzen eines Kindes nicht ernst zu nehmen.
Namaste ♥ Seelenliebe4YOU
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Kommentare
Ein wirklich wundervoller Beitrag. Grenzen setzen, Grenzen akzeptieren & das unseren Kinder zu ermöglichen wäre ein Meilenstein für die Entfaltung der Kinder. Ich danke dir für das Wachrütteln und die wertvolle Begegnung mit mir selbst. 💕 Ich wünsche allen Lesern diese AHA-Momente & freue mich auf Teil 2.
Liebe Susanne,
ich danke dir für diese wundervolle Rückmeldung. Ich sehe es tatsächlich jeden Tag bei mir und meinen eigenen Situationen und wie oft habe ich mir von meinen Eltern Akzeptanz gewünscht. Deshalb versuche auch ich unserer Kleinen mehr davon zu geben, was ich mir gewünscht habe. Danke für deine Wertschätzung ♥