Teenager und Make-up: Wie viel sollten Eltern erlauben – und wann wird Fürsorge zu Kontrolle?

Veröffentlicht am 7. September 2026 um 00:00

Irgendwie scheint Instagram mich gerade zu inspirieren. Vor ein paar Tagen habe ich dort einen Kommentar gelesen, der mich ziemlich schnell an meine eigene Kindheit erinnert hat. Eine Mutter – nennen wir sie Ute – stellte ein Reel online, in dem sie den Schminktisch ihrer jugendlichen Tochter filmte. Dazu schrieb sie sinngemäß:

„Wenn meine Tochter mehr Make-up hat als ich.“

Ich musste lachen. Denn ganz ehrlich: Der Schminktisch sah ungefähr genauso aus wie der unserer 13-Jährigen. Ich likte das Reel und öffnete anschließend die Kommentare. Und ab diesem Moment verwandelte sich mein Lachen ziemlich schnell in Entsetzen.

Eine andere Mutter – nennen wir sie Rita – bezeichnete Ute als verantwortungslos und ihre Tochter als verwöhnte Göre. Sie selbst würde diesen „Schminkkonsum“ niemals unterstützen. Ihre eigene Tochter sei 15, interessiere sich nicht dafür und selbst wenn, würde es bei ihr niemals Schminke geben. Schließlich würde sich das Mädchen nur „Chemie ins Gesicht schmieren“.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis eine hitzige Diskussion entstand. Wenn du auf Social Media unterwegs bist, weißt du wahrscheinlich selbst, wie manche Menschen dort übereinander urteilen können. Doch mich haben diese Kommentare mehr beschäftigt, als ich zunächst gedacht hätte. Ich fragte mich:

Warum macht mich das eigentlich so wütend?

 

Bin ich jetzt eine schlechte Mutter, weil unsere 13-Jährige viel Make-up besitzt?

Denn wenn ein voller Schminktisch darüber entscheidet, ob man eine verantwortungsvolle Mutter ist, müsste ich mich wohl ebenfalls angesprochen fühlen. Unsere 13-Jährige besitzt nämlich auch einiges an Make-up. Also fragte ich mich tatsächlich:

Ist es falsch, dass wir ihr das erlauben?

Und plötzlich wurde mir bewusst, warum mich diese Diskussion so berührt hatte. Ich kannte diese Haltung aus meiner eigenen Kindheit. Ich durfte mich als Jugendliche kaum bis gar nicht schminken. Also tat ich es heimlich. Einmal vergaß ich, mich nach dem Unterricht abzuschminken, und kam geschminkt nach Hause. Meine Mutter sah mich und sagte direkt:

„Boah, sieht du schlimm aus!“

Schon geil, so etwas von seiner eigenen Mutter zu hören. Heute kann ich diesen Satz anders betrachten. Damals hat er mich sehr verletzt. Was solche Aussagen mit dem Selbstwert eines jungen Mädchens machen können, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen. Gerade in einer Zeit, in der man ohnehin versucht herauszufinden:

Wer bin ich? Was gefällt mir? Wie möchte ich aussehen? Und wie sehen mich eigentlich die anderen?

 

Make-up in der Pubertät: Es ist ihr Ding

Also beschäftigte ich mich noch einmal mit der Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, dass unsere Tochter so viel Make-up besitzt und ich kam zu der Antwort:

Es ist ihr Ding.

Natürlich tragen wir als Eltern Verantwortung. Ich kann sie über Produkte, Hautpflege und Hygiene aufklären. Ich kann ihr sagen, dass sie kein Make-up braucht, um schön zu sein. Aber muss ich deshalb bestimmen, wie viele Concealer, Rouges oder sonstige Produkte sie besitzen darf? Für mich lautet die Antwort: Nein!

Make-up ist in diesem Alter auch Ausprobieren. Es ist Selbstdarstellung, manchmal Zugehörigkeit und ein kleiner Teil der Frage: Wer möchte ich eigentlich sein?

Heute gefällt ihr dieser Look, in ein paar Monaten vielleicht ein anderer und irgendwann interessiert sie sich möglicherweise überhaupt nicht mehr dafür. Bei Jugendlichen verändert sich so vieles so schnell. Warum sollte ich daraus einen Machtkampf machen?

 

Freiraum bedeutet nicht, alles gutzuheißen

Natürlich muss ich als Erwachsene nicht jede Entscheidung meines Kindes toll finden. Ich darf meine Meinung sagen. Ich darf erklären. Ich darf Grenzen setzen, wenn sie notwendig sind. Aber ich darf mich auch fragen:

Muss ich mich hier überhaupt einmischen – oder gefällt mir persönlich einfach nicht, was mein Kind gerade tut?

Das ist für mich ein großer Unterschied. Unsere Tochter kauft ihr Make-up überwiegend von ihrem eigenen Taschengeld. Und genau hier sehe ich sogar eine Chance.

Uns ist wichtig, dass sie früh lernt, mit Geld umzugehen. Sie hat einen bestimmten Betrag zur Verfügung, von dem sie sich auch mal Süßigkeiten oder Chips kaufen, shoppen oder mit ihren Freundinnen ins Kino gehen kann. Und inzwischen merkt sie selbst:

Wenn ich viel Geld für Make-up ausgebe, fehlt es mir an anderer Stelle.

Der Konsum ist dadurch sogar schon weniger geworden. Nicht, weil wir etwas verboten haben. Sondern weil sie festgestellt hat, dass das Zeug ganz schön teuer ist. Plötzlich muss sie selbst überlegen:

Brauche ich das wirklich? Oder möchte ich lieber mit meinen Freundinnen ins Kino? Für mich ist genau das Lernen! Manchmal ist „Am Ende des Geldes ist noch viel Monat übrig“ eben die bessere Lektion als zehn Vorträge von uns Erwachsenen.

Das Einzige, worauf ich sie hinweise, ist, vorhandene Produkte möglichst erst aufzubrauchen, bevor ständig etwas Neues gekauft wird. Schließlich hält auch Make-up nicht unbegrenzt und unnötiger Konsum muss ebenfalls nicht sein. Alles andere darf sie innerhalb unseres Rahmens selbst herausfinden.

 

Verbote verhindern nicht, dass Jugendliche Dinge ausprobieren

Vielleicht sehe ich das heute auch deshalb anders, weil ich weiß, was Verbote bei mir bewirkt haben.

Ich durfte mich nicht schminken, also schminkte ich mich heimlich.

Das Verbot hat mein Interesse nicht verschwinden lassen. Es hat lediglich dafür gesorgt, dass ich es vor meiner Mutter versteckt habe. Und genau deshalb frage ich mich heute:

  • Was möchte ich als Elternteil eigentlich erreichen?
  • Möchte ich, dass mein Kind bestimmte Dinge niemals ausprobiert?
  • Oder möchte ich, dass es mit mir darüber sprechen kann?

Denn wenn Jugendliche wissen, dass bestimmte Themen grundsätzlich Ärger, Verurteilung oder Verbote auslösen, hören sie vielleicht nicht auf, Dinge auszuprobieren. Vielleicht hören sie irgendwann nur auf, uns davon zu erzählen.

Und ganz ehrlich, das fände ich persönlich viel schlimmer als einen überfüllten Schminktisch.

 

Begleiten statt kontrollieren

Damit lande ich wieder bei einem Thema, das mich in letzter Zeit sehr beschäftigt:

Kontrolle.

Warum müssen wir aus so vielen Dingen einen Kampf machen? Natürlich gibt es Grenzen. Wenn es um Alkohol, Nikotin, andere gesundheitliche Risiken oder Sicherheit geht, tragen wir als Erwachsene Verantwortung und müssen entsprechend handeln.

Aber ein Schminktisch voller Make-up, ernsthaft? Da entscheide ich mich lieber für Gespräche als für Verbote. Ich möchte, dass unsere 13-Jährige weiß:

Du kannst mit uns reden.

Auch wenn wir etwas anders sehen. Auch wenn du eine Entscheidung getroffen hast, die wir nicht besonders schlau finden. Und auch dann, wenn du einen Fehler gemacht hast.

 

Denn mein Ziel ist nicht, einen jungen Menschen großzuziehen, der einfach nur das tut, was ich sage. Ich möchte einen Menschen begleiten, der irgendwann selbstständig Entscheidungen treffen kann. Und dafür muss sie heute üben dürfen.

 

Erziehen wir unsere Kinder – oder unsere Vorstellung von ihnen?

Vielleicht dürfen wir uns deshalb häufiger fragen:

  • Warum stört mich das Verhalten meines Kindes gerade eigentlich so sehr?
  • Ist es wirklich gefährlich?
  • Ist es tatsächlich unangemessen?
  • Oder entspricht es einfach nicht meiner persönlichen Vorstellung davon, wie mein Kind sein sollte?

Vielleicht möchtest du nicht, dass deine Tochter sich stark schminkt. Warum?

  • Hast du Angst davor, wie andere sie wahrnehmen?
  • Findest du es selbst nicht schön?
  • Wurdest du so erzogen?
  • Verbindest du starkes Make-up mit bestimmten Vorstellungen über Mädchen oder Frauen?
  • Oder hast du Angst, die Kontrolle zu verlieren?

Nicht jede Antwort darauf wird angenehm sein aber genau dort beginnt für mich Selbstreflexion.

 

Wie war es bei dir?

  • Wie wurde das Thema Make-up in deiner eigenen Kindheit und Jugend gehandhabt?
  • Durftest du dich ausprobieren?
  • Gab es ständig Diskussionen mit deiner Mutter/ deinem Vater?
  • Wie hast du dich gefühlt, wenn deine Eltern dein Aussehen kommentiert haben?

Und wenn du heute selbst eine Tochter hast:

  • Wie gehst du damit um?
  • Was darf sie selbst entscheiden?
  • Wo setzt du Grenzen?

Und wenn ihr Make-up, ihre Kleidung oder ihr Stil dich stresst:

Warum stresst es dich eigentlich?

Vielleicht müssen wir nicht jede Entscheidung unserer Kinder verstehen oder diese gut finden. Wir können ihnen jedoch etwas geben, das viel wichtiger ist:

Unterstützung, Halt, Freiraum und Sicherheit.

Einen sicheren Rahmen, in dem sie ausprobieren dürfen, wer sie eigentlich sind. Denn unsere Kinder sollen keine Kopie unserer Vorstellungen werden. Sie dürfen Individuen sein. Und manchmal beginnt das eben mit einem viel zu vollen Schminktisch.

Sei keine Rita.

Sei die Person, zu der dein Kind auch dann kommen kann, wenn der Concealer leer, das Taschengeld ausgegeben ist und am Ende des Geldes noch verdammt viel Monat übrig ist.

Namaste ♥ Seelenliebe4YOU

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